Meine liebe, theure Luise; Ob es gleich bald Mitter[-]
nacht
ist und ich eben jetzt erst mit
Emilien
Stielervon unserer
Amalie
Mattfeld komme, so muß ich dennoch
auch noch zu Dir kommen
und noch ¼ Stündchen mit Dir plaudern,
um Dir zu sagen wie ich
den heutigen Tag verlebte. Gegen 7 Uhr
(weil ich später als
gewöhnlich Schlafen gegangen war) begann
mein innerer Arbeitstag.
Es ist höchst merkwürdig wie sich
Alles in mir vervollständigt
klärt und ordnet und so wahrhaft schöne harmonisch
geschlossene
Gestalt gewinnt. Damit wächst aber auch in mir
die Sehnsucht und
das Streben nun auch Alles, das Ganze so
schön in seiner
Mannigfaltigkeit, seinen Theilen und Gliedern
im Äußern und in
Gemeinschaft mit Dir darzuleben. In dem
Maaße sich also in mir
Alles zur und in Vollendung ge-
staltet, um so lieber wird mir
unser Liebenstein u.
so mehr sehne ich mich nach demselben
zurück, ja ich freue
mich schon jetzt der Heimkehr zu demselben
im künfti[-]
gen Frühjahr. Du siehst es ja jetzt schon hier: über
der
Erinnerung an Liebenstein vergesse ich meinen Vorsatz
Dir
von meinem hiesigen Leben zu erzählen.- Nach 9
Uhr kam unsere
Luise Härtlein [sc.: Hertlein].
Frau Goldschmidt hat-
te mir
den Wunsch ausgesprochen ihr meine Gedanken
über einen zu
verjüngenden Frauenverein auszusprechen.
Um der Kürze willen
sprach ich sie Luisen in die Feder;
doch Du wirst es natürlich
finden, daß sich mir alles, was
was sich mir in Beziehung auf
Menschenbildung nähert, /
[12R]
sogleich zu einem großen
Ganzen zusammen eint,
so auch dieser Auftrag und der Zweck
welcher ihm zum
Grunde liegt. Ich sah und erkannte in den in
mehrfa-
chen Vereinen von Neuem und wieder
vereinten
Frauenvereinen als Träger und Mittel zur
endlichen
allgemeinen Verbreitung der Kindergärten und
durch
diese ächter deutschen Jugend[-] u Volkserziehung
und
solchen Unterrichtes. Und so beschäftigte mich und
uns
die Lösung der mir gegebenen Aufgabe vonmeinem [sc.: von
meinem]
Standpunkte aus, bis gegen und nach 4 Uhr. Und
nun
wurde gegen 5 Uhr mit Emilien und Luisen ein
beschlos-
sener Besuch bei Amalien M. [sc.: Mattfeld] ausgeführt.
Nach eini-
ger Zeit trat
Wichard Lange (:Du erinnerst Dich ja des
von ihm geschriebenen Aufsatzes Fr. Fr. und
die Ge-
schichte der Pädagogik:) - ans Zimmer bei Amalien
und
wünschte mich zu sprechen und denke Dir was mir
Allwine in
wirklicher Naivität aussprach: - "Wir
sind
verlobt!" - Also
Allwina und
Wichard Lange als
Verlobte als Brautpaar, Du kannst Dir denken,
wie
sehr ich überrascht war. Allwina hatte mich zwar
schon
von dem bestehenden Verhältnisse unterrichtet
und W. Lange mich
vorgestern ebenso wie Allwina
naiv gefragt: - was sagen sie
[sc.: Sie] dazu, ich liebe Allwinen;
allein diese Extrapostreise
in den Brautstand kam
mir doch etwas unerwartet; wie ein[e] von
Allwinen
auf meine Frage: - Hast Du Deiner Eltern Einwilligung? -
[gegebene Antwort] sagte /
[13]
so scheint das Verhältniß
schon bei
Middendorffs,
des
Vaters Anwesenheit hier besprochen wor[-]
den zu seyn; ja ich
vermuthe in diesem Augen[-]
blick, daß Middendorffs, des Vaters
Reise hierher
schon dadurch veranlaßt worden zu seyn [sc.: sei].
Ja es scheint
sich mir nun alles zu klären: - nach
Middendorffs
des Vaters Rückkehr nach Keilhau scheint
Marius wie ich glaube
wenigstens zuerst mit Bestimmtheit
von dem Verhältnisse zwischen
Lange und
Al[l]winen unterrichtet worden zu seyn, daher seine
ganz verän[-]
derte Stellung zu Liebenstein und mir, das
Nicht-
kommen nach Liebenstein wie er mir doch zum 8
n Otbr
versprochen und das schnelle Verloben mit
Henriet[-]
ten
Breymann. Nach dem [sc.: Nachdem] wir gegenseitig
einige Tage
hier angekommen waren sagte
Marius blos
zu mir:
- "was sag[s]t Du zu meinem Verhältniße mit
H.?" -
Die vielleicht wunderbare innere Verkettung
gar
nicht ahnend
spra erwiederte
[sc.: erwiderte] ich: - "Solche Verhältnisse
und Bestimmungen hat
der Mensch nur mit sich selbst ab-
zumachen."-
Marius war in den letzteren Tagen zum Öfte[-]
ren
bei der
Lütkens, ich glaube
ehegestern war es wo
er mir sagte: - "ich
muß zur Lütkens" - was mir
auffiel.
Marius erscheint mir jetzt ganz merk-
würdig still
und einsilbig, wie unbestimmt thätig
oder vielmehr unthätig, auch
Friedmann sprach es
diesen Abend aus
indem er sagte: ["]Dem Marius muß [sc.: scheint] etwas /
[13R]
auf dem Herz zu drücken." Merkwürdig ist
nach
einer anderen Seite wie Friedmann durch
unser
Liebenstein auch hier wieder so vielfach
eingeführt
wird, so war er auch diesen Nachmittag und
Abend
bei
Amalien Mattfeld,
wo er wie ich höre schon
zum Öftern eingesprochen ist.- Morgen
zieht er in
Gemeinsamkeit mit
Marius zu einem Lehrer
ins Haus.
Auch
Emma [sc.: Emma
Bothmann] wird sich über die Auflösung des Ganzen
wundern
wenn Du es ihr schreibst.
Gegen alles mein Erwarten scheint
auch
AllwinensVerlobung -
(:in welcher Form eine solche aber Statt zu
finden, davon weiß
ich nichts:) - hier die Runde zu
machen; denn denke Dir, als ich
vorhin nach Hause
komme finde ich ein Billet von der
Dr
Detmer be-
ginnend mit einer Beglückwünschung
zu
Al[l]winens Verlobung und endigend mit einer
Einladung zu mor-
gen Abend zu - "
Allwinens u
Lange's Verlobungs-
feyer".- Wird
Allwina Hamburgerin werden und
Lange bei
Detmer Lehrer bleiben oder, wie
wird
sich das Ganze weiter entwickeln?- Höchst merkwür[-]
dig
ist, daß ich - in der Seele nicht das Mindeste von
diesem
Verhältniß ahnend, nur durch
Langes bekannte
Auf[-]
sätze und durch das
allgemein
günstige Urtheil hier über
ihn getrieben oder vielmehr veranlaßt
- ihn [sc.: ihm] die
Redac-
tion
unseres Zeitblattes angetragen haben [sc.: habe], was er, wie
es
sich nun leicht erklärt, auch bald annahm.-
Schlafe wohl, wohl! /