Herrn
Professor Dr. Hagen in Heidelberg.
Keilhau bei Rudolstadt. am 14. Mai
1845.
Hochgeehrtester, lieber Herr
Doktor!
Mit dem herzlichsten Danke habe ich
die Zusendung des 1. Heftes der
Weilschen konstitutionellen Jahrbücher von der
Verlagshandlung in
Stuttgart erhalten, und mit vieler Teilnahme
und Befriedigung ist Ihr
so schöner Aufsatz von mir wie von
andern gelesen worden; er hat
überall. wo ich gehört habe, daß er
gelesen worden ist, gar sehr ge-
fallen. Bald nachdem ich die
Zusendung von der Verlagshandlung er-
halten hatte, war ich
genötigt, eine Reise nach Dresden zu machen, und
wie freute ich
mich, als dort Ihr förderlicher Aufsatz schon bekannt
und gelesen
war! Ich zweifle nicht, daß er mir daselbst wenigstens
einen recht kräftigen Mann zur Förderung
der von mir angebahnten
Erziehungsvereine und zur Ausführung
eines derselben in Dresden ge-
wonnen hat. Sie wünschen nun, von
mir zu hören, ob ich bei einem
neuen Abdruck desselben in Ihren
Zeitfragen, welche, wie ich mich über-
zeugen muß, auch weit
verbreitet bekannt sind, noch etwas hinzugefügt
wünschte. Leider
hat mich meine oben erwähnte Reise abgehalten, Ihrer /
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gütigen Aufforderung früher entgegenzukommen. Doch will ich
es
wenigstens nicht unversucht lassen, Ihnen zwei meiner Wünsche
aus-
zusprechen.
Erstlich drängt jetzt alles so sehr nach
der Nutzens-, nach der gewerb-
lichen Seite, nach der Seite des
realen Wissens und Könnens und somit
auch nach der Seite des
frühen äußeren Kennens der Natur und des Ge-
brauches ihrer
Erzeugnisse, daß darüber der zartere Sinn für die Ent-
wickelung
und Beachtung des höheren, inneren geistigen Lebens
ganz
zurücktritt. Dagegen läßt sich nun nichts tun, der Strom ist
zu ge-
waltig, als daß man sich ihm entgegenstemmen könnte. Man
muß also
die Sache notwendig anders zu erfassen suchen und dabei
an die Worte
des Kaufmanns von
Schiller denken:
An das sidonische Schiff knüpft auch das Gute
sich an.
Man muß also auch aus der Wertlegung auf das
Äußere die Wert-
schätzung des Innern zu entwickeln suchen. Denn
der menschliche Geist
und noch mehr das deutsche Gemüt kann
schlechterdings nicht lange
bei dem bloß Äußerlichen verweilen,
es muß sich nach dem Innern und
Innersten wieder hinwenden. Ich
meine also in Beziehung auf unsere
erziehende und entwickelnde
Kinderführungsweise: um die Teilnahme
an derselben, ja ihre
Pflege, die Sorgfalt für dieselbe zu wecken, muß
man, was ja so
offen in ihr liegt, dennoch noch bestimmter hervorheben,
wie sie
eben auch das Kind früh in die richtige Beachtung, den
rechten
Gebrauch aller äußeren Dinge, so besonders auch der
Gegenstände der
Natur einführt und so zu einem
praktischen Leben, zugleich mit
Weckung
des Sinnes für den Geist, für das innere
Wesen desselben,
wahrhaft vorbildet. Dies
ist das eine, was ich wohl wünschte, das in der
Darstellung des
Ganzen - weil dieses jetzt als das wichtigste erscheint,
worauf
man Wert legt - noch hervorgehoben werden möchte. Ich
glaube
auch, daß durch die
richtige Erfasssung und
Behandlung des
jetzt so praktischen, ja überwiegend materiellen
Strebens auch das höhere,
noch vereinzelt stehende Streben der
Zeit in den Geist und das Wesen
der Dinge und des Lebens
einzudringen und dieses und jene in ihrer
innern Einheit zu
erfassen, welchem besonders auch mein Wirken ge-
widmet ist,
erreicht werden kann. Wie auch
Lamartine sagt : "Hütet
Euch, an der Schöpfung Euch zu versündigen, wenn
Ihr die Industrie
(man darf wohl im allgemeinen sagen: das
praktische, materielle Zeit- /
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streben) anklagt. Die
Industrie ist das Kennzeichen der menschlichen
Stärke und
Perfektibilität. Für die gesamte Menschheit erwächst daraus
eine
Vermehrung der Kräfte und der Einigkeit, deren Folgen Gott
nur
berechnen kann. Endlich kann daraus die von so Vielen
ersehnte, aber
nie erreichte Universal-Monarchie hervorgehen, ich
meine nicht die poli-
tische, sondern die Universal-Monarchie der
Intelligenz, des Handels,
der Industrie und der Ideen".
Chevalier sagt: „Die Industrie
(ich
setze wieder das sich unbewußte
praktische , materielle Zeitstreben)
ist
nichts anderes als die Begründung der Geistesherrschaft über
die
materielle Welt, oder der menschliche Geist, der sich aus
unserem Erd-
ball einen mächtigen Thron erbaut.
Naturerscheinungen, die wir früher
aus Furcht wie Götter
verehrten, werden zu Vasallen des Menschen und
arbeiten folgsam
für ihn. So setzt die Industrie, vollständig
entwickelt,
keineswegs den Materialismus auf den Thron, sondern
bewirkt nichts
als eine intellektuelle Erlösung". Weiter sagt
Schmitthenner: "Es
ist eine
der größten Erscheinungen unserer Zeit, daß des Menschen
Geist
mit dem Zauberlichte der Wissenschaft immer tiefer und
tiefer in das
dunkle Reich der Materie niedersteigt und der
wilden Naturgewalten
Mann und Meister wird". Verzeihen Sie,
daß ich diese Stellen, die Ihnen
gewiß bekannt sind, hier so
ausführlich vorlege, allein ich konnte Ihnen da-
durch abermals
am bestimmtesten aussprechen, was ich durch meine Kind-
heits-
und Kinderführungsweise, durch meine Spiel- und
Beschäftigungs-
mittel und -weisen, so ganz vor allem durch meine
Kindergärten zu er-
reichen strebe; warum ich wünschte, daß diese
und überhaupt meine
Kindheit- und Kindererziehenden Bestrebungen
von dieser Seite in das
größere, allgemeinere, besonders das
schaffende, gewerbliche, industrielle
Publikum eingeführt würden,
indem es ja eben in dem Zwecke derselben
liegt, zu jener höheren
Erfassung der Natur, ihres Geistes und ihrer Ein-
heit
hinzuleiten. Da nun schon Ihre "Zeitfragen" vom Jahre 1843
sich
"über die rechte Verbindung der Wissenschaft mit dem Leben"
aus-
sprachen, so glaube ich, würde sich in der jetzigen
Fortsetzung und in
der trefflichen Abhandlung zu dieser
angedeuteten, weiteren Ausführung
mehrfach Gelegenheit zeigen.
Deshalb die schon ausgesprochene Bitte
an Sie, gütig
teilnehmender Freund!
Nun zu dem Zweiten, was ich wünschte,
daß vielleicht bei dem zweiten Ab-
druck Ihrer gewiß viel
bewirkenden Abhandlung erwähnt werden möchte. /
[20]
Man wendet gegen die allgemeinere Einführung meiner
Kinder-
führungs-, Spiel- und Beschäftigungsweise und besonders
die allgemeinere
Ausführung meiner Kindergärten immer ein: daß
das darin Angebahnte
wieder verlorenginge, wenn die Kinder daraus
aus- und in die gewöhn-
lichen Schulen einträten, Wenn dies nun
auch etwas in der Form sein mag,
so ist es doch gewiß nicht dem
Geiste nach der Fall. Doch ich will es
einmal, um sogleich zu
meinem Ziele zu kommen, zugeben: so wären
es eben die
"Erziehungsvereine", die "Vereine der Männer und Väter
(wie hier
und da auch schon der Mütter, z. B. in Neustadt an der Orla)
für
Erziehung", welche nach und nach dieses Störende beseitigen
würden.
Deshalb wünschte ich, daß, wenn auch Sie es für
angemessen hielten,
bei dem zweiten Abdruck Ihrer so erfassenden
Abhandlung auch der
Gründung der Erziehungsvereine und des
bisherigen Erfolges derselben
in der Ausführung erwähnt würde .
Das bis jetzt darüber erschienene
Erfassendste steht in Nr. 102
des Allgemeinen Anzeigers der Deutschen
vom 16. April, von einem
gewissen Dr
. Wohlfarth , welcher auch über
Pauperismus
und die Schrift: „Das katholische Deutschland frei von
Rom"
geschrieben hat, wozu auch der Redakteur
Becker eine Nach-
schrift
gefügt hat, welche zum Teil die bisherigen Resultate enthält.
Ich
zweifle nicht, daß sich dies Blatt auf Ihrem Museum findet,
ebenso
hat auch die Dorfzeitung mehrfach der Sache gedacht;
früher erwähnte
ich schon der Nr. 36 vom 1. März. Jüngst spricht
davon auch wieder
Nr. 58 der Dorfzeitung vom 5. April, .S. 231.
Auch der Allgemeine An-
zeiger der Deutschen hat der Vereine
schon früher gedacht, so in Nr. 84
vom 29. März, S. 1176. Ich
hebe diese Blätter und Nummern heraus,
weil ich glaube, daß Sie
solche, wenn es Sie interessiert, auf dem
Museum, ich meine auch
in der Harmonie, lesen könnten.
Mehrere andere
unserer Blätter, worinnen des Gegenstands
auch
förderlich gedacht worden, erwähne ich gar nicht, weil
solche nicht bis
nach Süddeutschland kommen. Auch sächsische
Blätter haben den
Aufruf in ihre Spalten aufgenommen. Vereine
bestehen, was mir
bekannt geworden, jetzt in
Eichfeld (wozu als eingepfarrt Keilhau),
in
Schwarza nächst Rudolstadt, in
Neustadt an der Orla im Wei-
marischen
(woran auch Frauen Anteil nehmen) ; in
Dresden haben
sich zur Bildung eines
solchen Vereines, ihn gleichsam im Kerne bildend,
Dr. Beger (Rektor an der höhern
Bürgerschule in Neustadt-Dresden), /
[21]
Prof. Dr. Wagner, Direktor
Dr. Höfer und
Dr. med.
Löffler
zusammengetan. Von dieser Vereinigung hoffe ich
Wesentliches.
Daß die Vereine wirklich ins Leben eingreifen,
d. h. beim Volk schon
dem Gedanken nach
Anklang finden, geht auch aus einer Aufforde-
rung hervor, welche
das Beiblatt der Dorfzeitung "Das Plauderstübchen"
enthält (s.
Nr. 11 vom 14. April, S. 42). Da, wenn ich nicht irre,
dieses
Beiblatt nicht nach Heidelberg kommt, so will ich dieselbe
hier
wörtlich beifügen:
"Der in Nr.54 des Allgem.
Anzeigers der Deutschen von Fröbel
getane Aufruf zur Begründung von Erziehungsvereinen hat, wie Nr.
58
der Dorfzeitung berichtet und wie Einsender aus seinen eigenen
ört-
lichen Verhältnissen weiß, großen Anklang gefunden und
lebhaftes Ver-
langen nach Inslebentreten solcher Vereine in den
Herzen Vieler rege
gemacht. An vielen Orten fühlen die Bürger,
daß in der Erziehung
noch sehr viel zu tun von Nöten ist; allein
sie sind über die entsprechen-
den Erziehungsprinzipien nicht mit
sich im Klaren. Auch finden sich
nicht an allen Orten die
charaktervollen, begeisterten, geeigneten Männer,
die Aufklärung
und Anleitung hierin geben können und wollen: im
Interesse derer
nun, die das Verlangen nach dem Bessern fühlen, aber
den Weg, am
besten dahin zu gelangen, nicht kennen und eines
Führers
ermangeln, erlaubt sich der Einsender, die Bitte zu tun,
daß sich die
Erziehungsvereine, die sich bereits gebildet haben
oder noch bilden
werden, dahin vereinen möchten, ein
gemeinschaftliches Organ ihrer
Vereinsverhandlungen herauszugeben
und Fröbe1 zu ersuchen, die
Redaktion
desselben zu übernehmen. Durch die gegenseitigen
Mitteilungen
würden die einen von den andern belehrt werden,
wohin zu trachten
und zu streben sei, die weniger Gebildeten aber
würden von den Kenntnis-
reicheren lernen, was zu tun sei und
worauf es ankomme".
Was sagen Sie, lieber Herr Doktor, zu
diesem Aufruf zur Heraus-
gabe eines allgemeinen Organs der
Erziehungsvereine?
Durch alles dies ließe sich wohl zu seiner
Zeit ein schönes Ganzes er-
ringen. Versuchen Sie darum, ob es
möglich ist, auch Heidelberg
(durch Gründung eines Kindergartens)
dem Gegenstande Grund und
Boden zu gewinnen. Jugend-, Turn- und
Volksspiele ließen sich dann
gewiß auch bald ausführen, so wie
hoffentlich, zunächst wenigstens in
einem oder einigen der
benachbarten Dörfer Sonntags-, Spiel- und /
[22]
Kindergärten, woran Erwachsene jedes Alters als Zuschauer,
besonders
als solche auch Mütter mit ihren noch jüngeren Kindern
Anteil nehmen
könnten, wodurch diese so zweckmäßige
Kinderbetätigung auch in die
Familien und in das Haus eingeführt
werden, ganz besonders aber auch
das immer mehr gefühlte
Bedürfnis echter Volks- und Nationalspiele
und Feste nach und
nach seine Befriedigung erhalten würde. Also, teuer-
ster Herr
Doktor, nur erst den kleinsten Anfang, nur erst den
geringsten
Raum, damit das Samenkorn keimen und seine Pfahlwurzel
treiben
kann! Es wird sich daraus schon die kräftigste Pflanze,
die schönste
deutsche Eiche entwickeln !
Geht es an, so
wünsche ich 25 Exemplare besondere Abdrücke des
Aufsatzes, aber
dann auch möglichst bald nach Beendigung des Druckes
durch den
Buchhandel über Leipzig, durch meine Kommissionäre
Geb-
hard und Reisland zu erhalten. Wollten Sie vielleicht
Ihrem Ver-
leger den Vorschlag machen, ob er es nicht; weil doch
der Gegenstand
jetzt so viel Interesse und Besprechung findet,
für angemessen hielte,
eine kleine Anzahl, vielleicht von einigen
Hunderten, mit besonderem
Titel als selbstständige Broschüre
abdrucken zu lassen? Ich glaube, daß
sich doch immer einiger
Gewinn dabei herausstellen würde; zur größeren
Verallgemeinerung
der Sache würde es gewiß beitragen. Ihren lieben
Kindern meine
herzinnigsten Grüße und sagen Sie ihnen, daß ich ihrer
sehr oft
gedenke. - Leben Sie recht wohl und erfreuen Sie wieder
mit
einigen Zeilen
Ihren
dankbaren
Friedrich Fröbel.
Verzeihen Sie
mir den langen Brief, auch die Wiederholungen in selbi-
gem. Ich
mußte ihn unter zu vielen Störungen, wie immer,
niederschreiben.