[BlM]
Keilhau den 8ten Octbr. 1830.
Herrn Legationsrath J. Fr. Hennicke
Redacteur des allg. Anzeigers der Deut-
schen (in Gotha).
Nur auf
den ersten Blick kann es Ew.
Wohlgeboren auffallend erscheinen,
in
der Anlage zum Theil Aufsätze wie-
derzufinden, in welchen
schon früher
durch das Organ Ihres, eigentlich des
einzigen
allgemein deutschen Blattes,
welches wir besitzen, zu den
Deutschen
als einem Volke gesprochen wurde.
Jene Aufsätze
aber kamen, wie das auf
ganz natürliche Weise so oft
geschieht,
entweder zu früh oder zu spät; genug
wie
ausgezeichnet eingehend u beystimmend
auch einzelne Männer selbst
öffentlich
dafür u darüber sich aussprachen, die
Sache selbst
blieb als allgemeine Volks-
sache so gut, als unbeachtet.
Abhandlungen, Aufsätze, Vorschläge
Aufforderungen werden durch
neue,
diese durch neuere u durch die neue-
sten verdrängt,
Worte sind keine
Thaten, Vorschläge u Aufforderun-
gen sind
keine Ausführungen, u
nur in den allerseltensten Fällen
giebt
sich der Mann u die Gemein-
samheit, welche Vorschläge zum
all-
gemeinen Besten macht, die er oder
sie als die
durchgreifendsten und
genügendsten hinstellt, auch
mit
gänzlicher Selbstverläugnung /
[207R]
(u
persönlicher Aufopferung) der Aus-
führung hin. Wegen dieser so
häufigen
(und fast gewöhnlichen) Erfahrung nun
ist es ganz
natürlich, daß frühere
an die Allgemeinheit ergangene
Vor-
schläge u Aufforderungen schon in
dem nächsten Jahre
vergessen sind.
Anders, ganz anders ist es jedoch
der
Fall bey den Aufforderungen
und
Vorschlägen, auf welche sich die z
um Theil in
früheren Jahren in Ihrem
(echten)
Volksblatte vor mehrern Jahren zum Theil mitgetheilten
Auffor-
derungen und Vorschläge beziehen,
(u) welche ich
(hier), um Ew. Wohlgebo-
ren die schnellere Einsicht in
dieselben
zu erleichtern, in besondern Abdrüc-
ken beylege;
-für für die Darstellung
der
darin enthaltenen Wahr- u Gewiß-
heiten
hat sich, wie dieß schon vor-
her der Fall war, nicht nur
ein
Einzelner, sondern eine durch die menschlich-
sten Bande
verbundene Mehrheit
selbst verläugneted in Aufopferung
hingegeben.
Nicht nur haben sich aber diese Wahrheiten in einem
nun
schon mehr als vierzehnjährigen
vielseitig
verschlungenen, wohl den größten Theil
der
menschlichen Verhältnisse berühr
tenenden
(gemeinschaftlichen und
vielseitigen)
u. eben darum höchst kampfvollen
und prüfenden
Leben, -- auf
das klarste (unzweydeutigste u
offen-
kundigste) bewährt, sondern, was
eben dieses Leben
schon als dasey-
end zeigt u als That giebt, das spre-
chen
uns die durchdachtesten, tief
eingehend(st)en u erfassend(st)en
Ab-
handlungen, welche uns der reine
[bricht ab]
[BN]
[1]
Geist Ihres
Blattes giebt, als
Vorschläge u Wünsche au
fs.
Zu dieser Überzeugung kamen wir
schon
früher u wollten [Sie] darum auch früher schon
mit dem
Fortbestehen
der hiesigen
unserer
Anstalt in
Iihrem
bleibend rein menschli-
chen Sinn rc deutschen Geiste rc
Charakter
bekannt machen. Doch es unterblieb, weil
dazu wohl
noch nicht die rechte Zeit ge-
kommen seyn mochte;
jedoch jetzt
nunerfaßt ein Aufsatz eines
gewissen
W. P. P. in F-ch, welchen uns
Ihr Blatt in No 26
mittheilt, unser
ganzes Leben u erfaßt es in seinem
innersten
Streben, so daß wir es als
eine Verletzung des allgemeinen
Wohles
ja als eine Versündigung an den In-
teressen der
Menschheit ansehen würden
Sie als deutscher Mann und als
das
Organ des deutschen Sinnes u (deutschen) Le-
bens und der
(Forderungen u) Bedürfnisse
deßselben, nicht mit dem Fortbestehen
dieser
Anstalt u mit dem seinem Geiste (u Sinn desselben)
in
u durch welchen sie besteht, bekannt zu machen.
Um Ew.
Wohlgeboren selbst möglich zu machen,
das u sich von dem, namentlich in der
jetzigen Zeit höchst
wichtige[n] Zusammentreffen zweyer,
nicht
meh nur in ihrem äußern
Leben u Bil-
dungsgange, sondern sich auch sonst noch
ganz
unbekannten deutschen Männer[n]
in fast wörtlich gleichen
Ergebnissen
ihres Nachdenkens u Strebens - selbst
zu
überzeugen, erlauben wir uns Ihnen
einen Auszug aus dem Plane zu
einer
Volkserziehungsanstalt, wie solche nach
dem
ausdrücklichen (u bestimmten) Willen
Sr Durchlaucht des
Herzogs von Meinin-
gen in
dessen Lande laut Beylage (wie auch schon
durch Ihr Blatt im
vorigen Jahre
bekannt gemacht wurde) ausgeführt/
[1R]
werden sollte, beyzuschließen. Ob nun gleich
diese auf
solchen Lebens- u Erfahrungswahrhei-
ten ruhende
Volkserziehungsanstalt aus
Ursachen, die der Denkende auch
ohne
alle Kenntniß von örtlichen u persönlichen
Einzelheiten
leicht selbst finden kann,
nicht zu der schon fast erreichten
Aus-
führung kam, so wurde u wird die Ausfüh-
rung jenes
Planes doch von uns in der
hiesigen Anstalt u hiesigen Orts
fest-
gehalten u geschieht dies an den uns in
dieser Hinsicht
anvertrauten Zöglingen
wirklich, wie wir auch
schon im Schlusse
der im vorigen
Jahre
auch in Ihrem Blatte
er-
schienenen Ankündigung der Volkserziehungsan-
stalt in
Helba <
dahin doch nur zu
denkend>
das verschleiert Hemmende schon
ahnend
bereits
schon bestimmt
aussprachen.
Um Ew. Wohlgeboren in den innersten
Geist u
Zweck jener in Helba bezweckten
u nun hier in Keilhau in ihrer
Reinheit
angestrebt werdende Volkserziehung
bekannt zu
machen, erlauben wir uns
noch, Ihnen einen Brief abschriftlich
mit-
zutheilen, welcher gleichsam den Keim
dieser bleibend in
dem Auge behaltenen
(und behaltenden) Volkserziehung
enthält,
weil wir es für zweckmäßiger halten
durch
geschichtliche Thatsachen u Actenstücke
sprechen zu lassen, als
durch eine, wenn
auch gedrängtere, ja selbst erfassende-
re
(u somit genügendere aber) neuere
Darstellung (zu sprechen).
Überhaupt gehören unsere Bestrebun-
gen u unser Wirken in dem
Innersten
erfaßt weder einer vorübergehenden
Zeit, noch einem
einzelnen in sich abge-
schlossenen Menschenganzen, sondern
sie
gehören der Menschheit, wie auch schon
bald nach der
Erscheinung der Abhandlung
über deutsche Erziehung überhaupt u
üb[er]
das allgemein deutsche der hies. Erziehungsanstalt
in
einer der gediegendsten deutschen
Zeitschrift
en von einem mir dort /
[2]
ganz unbekannten Punkte ausgesprochen
wurde; u viele
Documente der neuen
Entwicklung des Lebens u Bestehens
der
hiesigen Anstalt gehören auch jetzt
schon der Geschichte
an; daß, wenn sie auch
noch zu jung sind, um einen
öffentli-
chen Gebrauch davon zu machen, man
ihre Einsicht da
nicht vorenthalten darf,
wo es sich zum [sc.: um das] Wohl des
Ganzen
um eine gründliche Kenntniß der
Sache handelt und
diese Mitthei-
lungen an Ew. Wohlgeboren ha-
ben
schlechterdings keine übelwollende persön-
liche Nebenabsichten,
sondern Ew
Wohlgeboren nur mit dem Fortbe-
stehen des
hiesigen Erziehungszwec-
kes u dem Geiste der hies.
Erzie-
hungsanstalt bekannt zu machen[;]
denn wir glauben,
daß ein Werk, welches
in einer Zeit, wie der jetzigen unter
Käm-
pfen wie den unsrigen eine solche Reihe von
Jahren rc in
sich immer gleich frisch u gesund
fortbestehe, könne schwerlich
ein anderes als
auch in sich tüchtiges rc in dem allg.
Men-
schenwohl, Menschenstreben rc allg. u bes.
Men[-]
schenbedürfnisse tief begründete seyn.
Daß
was uns nach unserer , aus
vorstehen-
den klar hervorgehenden Ueber-
zeugung lieb seyn
muß, wenn
Hr. ZW. FrP. P in F-ch mit dem
faktischen
Bestehen Daseyn unserer
Volks-
erziehung u mit den Grundsätzen
in u durch welche sie
besteht, be-
kannt werde, werden Ew. Wohlgeboren
natürlich
finden. Deßhalb ersu-
chen wir Sie, die Anlage, welche
die
ganz gleichen Ew. Wohlgeboren
mitgetheilten Schriften
enthält,
gefälligst möglichst bald an denselben
zu befördern.
Sollte es jedoch für
Ew Wohlgeboren zu schwierig seyn
(obgleich
wir uns zur Erstattung des etwaigen Portos
gerne
verstehen) so ersuchen wir Sie er[-]
gebenst uns bey Rücksendung
des Packets
mit der bestimmten Nahmens[-] u Ortsangabe
des
Hrn P. -- bekannt zu machen, /
[2R]
um uns persönlich mit
demselben
in Wechselverkehr zu setzen,
welcher Wunsch Hr P.
-- eben so
natürlich als leicht erfüllbar erken-
nen wird.
Mögen sich Ew Wohlgeboren durch die[se]
Mittheilungen nun bewogen
finden die A[n-]
lagen nicht unbeachtlich aus der Hand
zu
legen; mögen Sie besonders den Ha[upt-]
gedanken aller dieser
schriftlichen Da[r-]
legungen [beachten], welcher
den
Zielpunkt, gleichsam den Schlußstein
derselben ausmacht, daß die
Erziehung
die Bildung des Menschen
zur Religion,
Versittlichung des Menschen
zur productiven Thatkraft
zur
gründlichen u lebendigen Erkenntniß
die Erziehung u Bildung des
Menschen
an und für
sich
für Familie
und
für das öffentliche
Leben
darum die Erziehung und Bildung des
Menschen
zur
Selbst-
zur
Gottes-
zur Natur[-] Erkenntniß u
Erfassung
zur Einigung
mit der
Menschheit
mit Gott
und
mit der Natur
also eine
dem deutschen Charakter Gesinnun-
gen und Bedürfnisse
entsprechende Erziehung
und Bildung des Deutschen, ein
gemeinsames und dadurch
einendesWerk aller Deutschen,
ein deutsches Natio-
nal- u Volkswerk werden müsse -
mögen
Sie besonders diesen Grundgedanken
Ihrer ernsten Prüfung werth u
würdig finden.
Mit der ausgezeichnetsten
Hochachtung
unterzeichne ich mich
FWAFröbel